Der Vortrag beschäftigt sich mit er emotionalen Dynamik der antiisraelischen Protestbewegung. Im Mittelpunkt stehen dabei sogenannte „moralische Gefühle“, die Subjekte im Falle einer Gewalttat zeigen und die als vorreflexive Urteile verstanden werden können. Zu den wirkmächtigsten dieser Gefühle gehört das Gefühl der Empörung.
Bemerkenswert war, dass bereits unmittelbar nach dem 7. Oktober die Empörung über die Terrorakte der Hamas zu schwinden begann – sofern sie denn überhaupt aufgekommen war. An ihre Stelle trat die – mal offen geäußerte, mal nur heimlich empfundene – Genugtuung über Gewalttaten an Jüdinnen und Juden, die wiederrum mit der Empörung über das israelische Vorgehen gerechtfertigt werden sollte.
Das schlimmste Massaker an Jüdinnen und Juden nach der Shoah wurde so zum Ausgangspunkt einer neuen Welle des antisemitischen Furors, der insbesondere von Akteur:innen der globalen Linken ausging, und der sich selbst als moralische Entrüstung missverstand. Linker Antisemitismus gibt sich, wie Jean Améry bereits in den 1960er Jahren und Eva Illouz in ihrem aktuellen Buch „Der 8. Oktober“ feststellt, gerne als „ehrbarer“ oder „tugendhafter“ Antisemitismus aus.
Zwar gilt es inzwischen als Common Sense, dass Antisemitismus nicht nur eine nüchterne Weltanschauung ist, sondern mehr noch eine Leidenschaft, wie Sartre es ausdrückte. Dass diese leidenschaftlichen Gefühle jedoch nicht ausschließlich und vielleicht nur im Ausnahmefall in Gestalt von eruptiver Triebabfuhr, sadistischer Lust oder blindem Hass auftreten, sondern insbesondere in der viel alltäglicheren Gestalt moralischer Gefühle, trägt zu ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz, wie subjektiven Wirksamkeit und Beständigkeit bei.
Um dieses komplizierte Verhältnis von Antisemitismus, Moral und moralischen Gefühlen soll es in dem geplanten Vortrag gehen.
Johanna Bach hat Soziologie und Philosophie in Frankfurt am Main studiert und promoviert zu dem Thema „Die Gefühlswelt des Antisemitismus“ an der Universität Passau. Sie ist Mitglied des AK Antisemitismus der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und forscht und publiziert zu Kritischer Theorie und Emotionstheorie, zu Antisemitismus und Rechtsextremismus, sowie zur Moralphilosophie des Nationalsozialismus.
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Referat Politische Bildung