Es mag verwundern, dass sich besonders an Universitäten, den höchsten Bildungsinstitutionen einer Gesellschaft, ein gewisses Unbehagen über Bildung breit macht. Einerseits bewegt sich diese Ahnung zwischen den schon bekannten Gegensatz der Nützlichkeit und Nutzlosigkeit der Bildung und andererseits gerät Aufklärung immer mehr in Verdacht, nur ein westliches, imperialistisches Projekt gewesen zu sein. Das ist nicht nur ein äußerlicher Angriff. Der große aufklärerische Traum, dass Bildung das Individuum erhebt, Menschheit verwirklicht, ist jäh zerbrochen, als sie die nationalsozialistische Barbarei nicht behindern konnte, ja sie sogar gefördert hat. Auch heute scheint Bildung bestehende Ressentiments nicht zu stürzen, sondern nur zu verfeinern, ihnen eine gesellschaftlich anerkannte Form zu geben oder sich weihevoll als rebellisch zu inszenieren. Sowohl bei einer immer mehr anwachsenden wissenschaftlichen Apparatur als auch beim davon ununterscheidbar gewordenen politischen Aktivismus wird vom Individuum eine Opferbereitschaft abverlangt, die das Ideal der Bildung zu verwirklichen scheint und zugleich zerstört. Zusammenhangslose Studieninhalte, Bulimie-Lernen, KI, Drittmittelabhängigkeit und Dauermobilisierung zeugen davon. Es drängt sich auf: Was hat solche Bildung mit mir zu tun? Und wer bin ich, dass sich mir diese Frage so aufdrängt, sodass ich entweder die Ratlosigkeit oder die zu offensichtliche Antwort verdrängen muss, um weiter funktionieren zu können? Die kritische Theorie hat diesen Verfall von moderner Bildung, der immer schon in ihr angelegt war, mit dem Begriff der Halbbildung zu fassen versucht. Im Vortag und der Diskussion wollen wir diesen Begriff und seine Beziehung zur gegenwärtigen Gesellschaft rekonstruieren.
„Das Halbverstandene und Halberfahrene ist nicht die Vorstufe der Bildung sondern ihr Todfeind: Bildungselemente, die ins Bewußtsein geraten, ohne in dessen Kontinuität eingeschmolzen zu werden, verwandeln sich in böse Giftstoffe, tendenziell in Aberglauben, selbst wenn sie an sich den Aberglauben kritisieren.“ (Adorno, Theorie der Halbbildung)
Organisiert durch:
Referat Politische Bildung